Die ältesten, "greifbaren" Zeugnisse der Ratzenrieder Geschichte sind rund 3500 Jahre alt. Auf dem Hügel
bei Valleray wurden Bronzebeile aus der Zeit um 1500 v. Chr. gefunden, die auf eine uralte Grabstelle
hindeuten. Auch die Anwesenheit der Kelten (ca. 500 v. Chr.) und der Römer (ca. 200 n. Chr.) in
Ratzenried läßt sich durch Funde dokumentieren.
Nachdem die Alemannen die Römer aus unserem Gebiet vertrieben hatten, dauerte es noch bis zum 7./8.
Jahrhundert, bis alemannische Bauern hier angesiedelt wurden. Vermutlich im 8. oder 9. Jahrhundert
wurde ein Alemanne namens Razo an der Stelle des heutigen Sechshöf seßhaft und gab der Rodung den
Namen "Razenriet". Zu gleicher Zeit gründete ein anderer Alemanne namens Ottram die Siedlung Ottramsried,
die sich vermutlich an der Stelle des heutigen Ratzenried befand. Die Siedlung wurde im 13. Jahrhundert
zu "Ried" umbenannt, im 14. Jahrhundert zu Wetzelsried und trägt erst seit dem 17. Jahrhundert ihren
heutigen Namen, während die alte Siedlung Ratzenried zu Sechshöf umbenannt wurde. Auch die Siedlungen
des Alphart (Alperts) und Arto (Artisberg) gehen vermutlich auf diese Zeit des 9. Jahrhunderts zurück.
Wie vielfach auch andernorts, so schenkten Razo und Ottram oder deren Nachkommen ihre Höfe dem Kloster
St. Gallen. Durch den weitverzweigten Besitz des Klosters wurde es im Laufe der Zeit nötig, Verwalter
bzw. Dienstmannen zu bestellen. Die Ratzenrieder Dienstmannen, die vielleicht Nachkommen der Ortsgründer
waren, stiegen zum Niederadel (.... von Ratzenried) auf und bauten sich im 12. Jahrhundert eine Burg bei ihrem Dorf Ratzenried (=Sechshöf),
dort, wo sich heute die Burgruine befindet.

Dieser alte Ratzenrieder Ortsadel besaß ein Wappen, nämlich eine rote Sonne mit blauen Strahlen auf weißem Grund. In der ersten überlieferten Urkunde, datiert zwischen 1145 und 1180, wird ein Conrad "von Ratzenriet" erwähnt. Diesem wird auch der erste Bau der Burg Ratzenried zugeschrieben. Mit Heinrich von Ratzenried starb die Linie um 1280 aus.
Das St. Gallische Lehen gelangte darauf in die Hände einer Familie Wezel, die bis dato als Keller (Verwalter) für das heutige Dorf Ratzenried im Oberhof (heute Familie Forster) wohnten. Sie wurden Nachfolger des Ortsadels und nannten sich "Wezel von Ratzenried". Um eine aussagekräftiges (=sprechendes) Wappen zu erstellen, wurde der Name Wezel letztendlich in Esel abgeändert. Der einzige aus diesem Geschlecht mit Vornamen Bekannte hieß Ludwig. Dieser Ludwig der Esel von Ratzenried (geb. ca. 1260, gestorben ca. 1335) war der Stifter eines dem Hl. Epimachus geweihten, 1288 aus Stein gebauten Kirchenneubaus in Ratzenried. Sein Grabstein befand sich viele Jahre an der Außenseite der Kirche und wurde vor wenigen Jahren in das Kircheninnere umgesetzt.
Danach kam das Lehen an die Adelsfamilien der Unrain, Raper, Molbrechtshausen, Stegen, Sürgen,
Praßberg, Königsegg, Stüdlin und Hirnheim, bis es 1453 vom reichen Ravensburger Bürgermeister Jos
Humpiß aufgekauft wurde.
Die Humpiß waren Begründer der Ravensburger Handelsgesellschaft gewesen und hatten sich großen
Reichtum durch den europaweiten Handel mit Allgäuer Leinwand erworben. Seit dem 15. Jahrhundert
gingen sie dazu über, ihr Geld in Grundbesitz anzulegen, in Burgen, Höfen und Mühlen des Allgäus.
Auf diese Weise erwarben sie nicht nur das St. Gallische Lehen in Ratzenried, sondern auch Besitz
in Arnsberg, Brochenzell, Pfaffenweiler, Amtzell, Altmannshofen, Merazhofen, Siggen u.a.
Jos Humpiß erhielt schon 1454 von Kaiser Friedrich die Niedere Gerichtsbarkeit und schuf damit
den Grundstein für die reichsunmittelbare Herrschaft Ratzenried, für eine Art Kleinstaat, in dem
über dem Herrn von Ratzenried nur der Kaiser in Wien als höchste Instanz stand.
Die Söhne Jacob und Jos wurden 1495 von Kaiser Maximilian mit der Hohen Gerichtsbarkeit belehnt
und erhielten das Privileg der Befreiung von fremden Gerichten. 1498 teilten die Brüder ihren
Besitz in 2 Hälften: Jos erhielt die Ratzenrieder Hälfte mit der alten Burg, Jacob die
Wetzelsrieder Hälfte. Jos Humpiß baute die alte Burg Ratzenried zur größten Dienstmannenburg des
Allgäus aus, während Jacob sich im Dorf Wetzelsried von 1498 bis 1502 ein eigenes Schloß (das "untere",
heutige Schloß) erbaute.

Um 1500 beantragten die Brüder beim Kaiser eine Wappen- und Namensänderung: Seither fügten sie den drei
weißen Hunden auf schwarzem Feld, dem Kennzeichen der "weißen" (Ratzenrieder) Linie der Humpiß, die
Sonne hinzu, das Wappen des alten Ratzenrieder Ortsadels (siehe oben), und seither nannten sie sich "von Ratzenried".
Die Teilung der Herrschaft brachte es mit sich, daß alle Höfe, Leibeigenen und Rechte geteilt wurden
und sogar zwei verschiedene Wirtschaften für die jeweiligen Untertanen errichtet wurden. Beide Linien
versuchten im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts, durch Tausch und Kauf von Höfen und Leibeigenen
ein geschlossenes Herrschaftsgebiet aufzubauen. Seither gehörten Schwenden, Buchen, Berg, Rehmen und
Zimmerberg zur Herrschaft Ratzenried.
Während beide Ratzenrieder Schlösser im Bauernkrieg verschont blieben, wurden sie im 30-jährigen Krieg
(1632) zerstört und mit ihnen die Kirche und viele Höfe. 1645 starb die Oberschloßlinie aus, weshalb
das Obere Schloß nicht mehr aufgebaut wurde und bis heute Ruine blieb. Das Untere Schloß dagegen
wurde wiederhergestellt. Die Nachkommen der Unterschloßlinie stiegen im 18. Jahrhundert zu bedeutenden
politischen Ämtern auf, vor allem in Diensten der Fürstbischöfe von Konstanz.
Die politischen Umwälzungen im Gefolge der französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege und
des Zusammenbruchs des Kaiserreichs brachten es mit sich, daß die Herrschaft Ratzenried 1806 zum
Königreich Bayern und 1810 zum Königreich Württemberg kam und alle Rechte der Staatlichkeit verlor.
Das alte St. Gallische Lehen gehörte jetzt dem König von Württemberg und wurde von diesem an die
Herren von Ratzenried verliehen. Aus der Herrschaft Ratzenried wurde 1820 die Gemeinde Ratzenried.
1813 starb der letzte Ratzenrieder Humpiß-Nachkomme, Freiherr Franz Konrad von Ratzenried, nachdem er
1811 seinen Besitz samt Schloß an seinen Neffen, den Grafen von Beroldingen, verkauft hatte. Die
Grafen von Beroldingen hatten bedeutende Ämter inne, u.a. das des Außenministers des Königreichs
Württemberg. 1848/49 erfolgte durch verschiedene Gesetze die sog. "Bauernbefreiung", durch die die
Grund-, Leib- und Zehntherrschaft aufgelöst wurden und die Bauern nach vielen Jahrhunderten
endlich frei waren. Die Herren von Ratzenried besaßen nur noch ihren Privatbesitz.
Durch Heirat der letzten Gräfin von Beroldingen mit Graf Anton von Waldburg-Zeil kam der Ratzenrieder
Adelsbesitz an das Haus Waldburg-Zeil. So wurde Graf Alois von Waldburg-Zeil ein indirekter
Nachfolger des uralten Ratzenrieder Ortsadels. Das Schloß wurde seit dem Tod des Grafen Anton
(1949) zunächst als Kindererholungsheim genutzt. Seit 1975 gehört es Norbert Güthling, der
hier im neu gegründeten Humboldt-Institut Deutschunterricht für Ausländer anbietet.
Seit 1972 gehört Ratzenried zusammen mit den ehemaligen Gemeinden Christazhofen, Eglofs,
Eisenharz, Göttlishofen und Siggen zur Landgemeinde Argenbühl.
Berthold Büchele