Spätestens seit dem 11. oder 12. Jahrhundert existiert in Ratzenried eine Kirche. Sie wurde vom Ortsadel, den Herren von Ratzenried, als Eigenkirche gestiftet und dem Hl. Georg geweiht. Dieser erste Kirchbau aus Holz brannte um 1288/90 ab. Der damalige Herr von Ratzenried, Ludwig der Esel ("Eselsjunker vom Oberhof"), stiftete eine neue Kirche.
Sein Grabstein -der älteste im Allgäu überhaupt- befindet sich in der Seitenkapelle. Er
trägt die Aufschrift
".... ETVS ESEL DE RACENRIET ORATRO .... AVE MARIA."
Von diesem Kirchenbau stammt noch der heutige Kirchturm, wahrscheinlich auch die Kirchhofmauer.
Nach einem neuerlichen Brand wurden unter Jos Humpiß, der 1453 das St. Gallische Lehen in
Ratzenried erworben hatte, im Jahr 1469 Chor und Schiff im gotischen Stil erbaut. Der heutige
Chor stammt noch aus dieser Zeit. Jos Humpiß aus Ravensburg hatte 1453 das St. Gallische Lehen
in Ratzenried erworben und seine Familie sollte bis 1813 nicht nur die Herrschafts-, sondern
auch die Kirchengeschichte von Ratzenried beeinflussen.

Eine weitere Umgestaltung erhielt die Kirche nach dem 30jährigen Krieg, nachdem 1632 "Kirch,
Orgel, Altäre, Geleuth und Kirchenzier" zerstört worden waren. Der Chor blieb erhalten, das Schiff
wurde in der heutigen Form neu gebaut. Kirche und Seitenkapelle (Anna-Kapelle, heute Taufkapelle)
wurden 1663 wieder eingeweiht.
Zwischen 1754 und 1756 erhielt die Kirche die heutige Stuckierung, das barocke Chor- und Schiffsgestühl
sowie neue Deckengemälde. Um 1830, als der Barockstil nicht mehr dem Zeitgeschmack entsprach, wurden
alle Altäre und Statuen beseitigt, die Deckengemälde übermalt und die Kirche im klassizistischen Stil
ausgestaltet.
Fünfzig Jahre später hielt der neugotische Stil mit einem neuen Hochaltar Einzug. Von diesem Altar
stammt noch das Kreuzigungsbild an der Schiffswand. 1906 wurde die Kirche um sechs Meter nach Westen
verlängert. Maler Reihing aus Stuttgart malte die Deckengemälde im Schiff und die Pieta über der
Seitenkapelle im Jahre 1910.
Bei der Kirchenrenovierung von 1949 stiftete der damalige Patronatsherr, Fürst Erich von Waldburg-Zeil,
den Barockaltar, der bis zu diesem Zeitpunkt in der Leprosenkapelle in Wurzach gestanden hatte und vom
Wurzacher Schnitzer Ruez stammt (um 1720). Die Altar-Madonna wurde von H. Zürn d. J. um 1650
geschaffen. Bildhauer Gebhart von Isny fertigte 1949 die Seitenaltäre (Hl. Georg und Hl. Familie).
Von den bis heute erhaltenen Kunstobjekten der Kirche sind der romanische Christus auf dem
Vortragskreuz (12./13. Jh.), zwei spätgotische Heiligenfiguren im Chor, der Taufstein von
1477 und die Grabsteine der herrschaftlichen Familien Humpiß und Beroldingen zu nennen.
Das Relief "Marien Tod" kam erst um 1900 in die Ratzenrieder Kirche und stammt aus der
Zeit um 1520 (Ottobeurer Meister).
Berthold Büchele